Bennis Welt

Pirat, Physiker, Free Software Nerd

Amoklauf und die Folgen

with 7 comments

Ein schöner Kommentar aus dem Heise Forum dazu:

In einer Welt, in der man sich schneller am gesellschaftlichen Rand befindet als je zuvor, ist m. E. diese Reaktion bei Menschen, die sowieso schon ein angeknackstes Selbstbewusstsein haben, verdammt naheliegend.

Noch nie wurden Menschen in unserer Gesellschaft so schnell ausgegrenzt wie jetzt. Z.B. stellt RTL die Menschen mit Uta Bresan wieder an den Pranger und jede zweite „Berichterstattung“ der Privaten ist eine Meinungsmache. Wer nicht ins Schönchenbild passt, wird gnadenlos niedergemacht. So mancher „Freak“ hat mir um einiges besser gefallen, als die beiden profillosen Models die ihre eigene Person über alles zum Maßstab setzen.

Das sich dies auch in die Schulen überträgt, ist doch nur selbstverständlich. Und wem hätte es nicht weh getan, wenn die Mädels der Klasse in bester RTL-Manier den Freak erst einmal von oben bis unten abbürsten.

Wir brauchen eine Akzeptanz der Individualität und ein Respektieren derselben. Und das läßt sich nicht erreichen, in dem man Waffen oder Killerspiele verbietet. Wir müssen anfangen, diese Werte wieder zu vermitteln. Jeder Mensch ist etwas wert. Und zwar wesentlich mehr als die monetäre Summe der Bekleidung, bzw. das Maß der Angepasstheit an optische gesellschaftliche Standards.

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Written by benniswelt

März 12, 2009 um 22:15

Veröffentlicht in Main

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7 Antworten

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  1. Ich würde nicht behaupten, dass das Problem des ausgegrenzt werdens aus der Gesellschaft ein modernes Phänomen ist, bzw. heute so schlimm ist wie nie. Natürlich verbreiten die Massenmedien ein gefährliches Ideal, an dem sich viele Jugendliche messen, aber gleichzeitig hat auch das Maß an Toleranz stark zugenommen, sonst wäre es z.B. auch nicht möglich eine Reportage über ein homosexuelles Pärchen zu senden.
    Früher wurden ganze Gruppen von Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen, z.B. die Frauen, die sich dann wiederrum gegenseitig unterstützen konnten. Heutzutage sind es eher Einzelschicksale und für diese Menschen ist es vielleicht schwieriger, Hilfe zu finden. Aber von einer pauschalen Verschlimmerung der Situation zu reden, finde ich zu stark vereinfacht. Zumindest kann ich nicht akzeptieren, das Problem auf RTL zu reduzieren. Das hat für mich den gleichen Charakter wie die Diskussion über Killerspiele. Dass dies nur ein winzig kleines Puzzlestück darstellt in einem komplexen Vorgang, der diesen Menschen zu dieser grausamen Tat gebracht hat, ist wohl allen bewusst.
    Hier von einer „naheliegenden Reaktion“ zu sprechen widert mich schon fast an. Vor allem, da noch überhaupt keine genauen Einzelheiten bekannt sind über das soziale Umfeld des Täters. Ich kenne auch ein paar Leute, die Probleme mit Mobbing haben, die aber deswegen nie auf die Idee kommen würden, zur Waffe zu greifen. Sollte der Autor wirklich dieser Meinung sein, sollte er mal seine psychische Gesundheit überprüfen lassen.

    Karin

    März 13, 2009 at 10:04

  2. So, erst mal hast du Absätze bekommen 😉

    Mir ging es eigentlich hauptsächlich um den letzten Absatz seiner Aussage und den kann ich so unterstreichen. Und im Allgemeinen wird uns durch die Medien eben schon ein Idealbild eines äußerst seltsamen Wertebilds vermittelt, in dem Konsum, Aussehen und Coolsein zentrale Aspekte einnehmen, Menschlichkeit und andere wirklichen Werte werden nicht vermittelt.

    benniswelt

    März 13, 2009 at 17:30

  3. Dem hab ich auch nicht widersprochen!

    Karin

    März 13, 2009 at 19:25

  4. Und ich denke wir können froh sein, dass wir keine labilen Persönlichkeiten sind oder kennen, die unter Druck zu sowas fähig sind, denke aber schon, dass unsere Gesellschaft einen großen Teil zu dieser Misere beiträgt.
    Das Fernsehprogramm, Schulabschluss immer noch schneller, Eltern müssen beide ganztags arbeiten um die Familie zu ernähren, unsere Gesellschaft mit ihren seltsamen Weltvorstellungen etc. Alles das setzt uns unter Druck, manche Personen halten dem eben nicht stand.

    benniswelt

    März 13, 2009 at 19:37

  5. Der zwang zur individualität ist doch das problem nicht die lösung! klassischens problem der moderne, das wegbrechen traditoneller stukturen und unsicherheit für den einzelnen, der sein leben planen und gestalten muss, das produziert massiven druck, kann man doch schon alles im „selbstmord“ von durkheim nachlesen, das ist eine ursache von selbstmord…

    Rick Astley

    März 13, 2009 at 20:13

  6. Weiß nicht, aber mir fällt auch auf, dass viele Deutsche, im Vergleich zu anderen Kulturkreisen, Familie ganz anders definieren und der Zusammenhalt von früher, weiß nicht ob’s wirklich so war oder ob man das nur so denkt, nicht mehr da ist.

    benniswelt

    März 13, 2009 at 22:01

  7. Zunächst hast du natürlich recht, Benni, Familie hat heute eine ganz andere Bedeutung als noch vor 100 Jahren. Dies hat weniger mit der Deutschen Kultur an sich zu tun, denn dieses Phänomen lässt sich in den meisten modernen Industriegesellschaften beobachten. Von mir aus kann ich mich hier auch auf Durkheim beziehen und auf seine Beobachtungen zur Entwicklung der Gesellschaft von der mechanischen zur organischen Solidarität, eine Folge der industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts:

    In der Agrargesellschaft bestand die Familie aus dem „oikos“, dem ganzen Haus, d.h. es lebten mehrere Generationen so wie die Angestellten unter einem Dach und haben zusammen das Land bewirtschaftet und autark gelebt. Die Familien waren auf sich beschränkt, sich untereinander sehr ähnlich und zueinander relativ unabhängig. In dieser mechanischen Solidarität herrschte laut Durkheim ein starkes Kollektivbewusstsein, die sozialen Vorstellungen ähneln sich stark, die Bedeutung der Gesellschaft steht für die Individuen im Vordergrund.

    Im Zuge der industriellen Revolution zogen die Menschen in die Stadt, um ihr Geld in den Fabriken zu verdienen. Die sich daraufhin entwickelnde Spezialisierung und Arbeitsteilung führt zu einem „Individualisierungsparadox“: Einerseits wächst die Individualisierung, da jeder nun für ein spezielles Gebiet zuständig ist und sich deutlich von den anderen in seiner Funktion unterscheidet, andererseits führt diese Arbeitsteilung zu zunehmender sozialer Abhängigkeit (Beispiel: Der Bäcker backt das Brot, der Metzger schlachtet Tiere; das trägt zur Individualisierung bei, gleichzeitig ist der Metzger auf den Bäcker und der Bäcker auf den Metzger angewiesen). Die Urbanisierung, Arbeitsteilung und Spezialisierung wirkt sich auch auf die Familie aus: Der Oikos wird nicht mehr benötigt, jeder muss nun selbst seinen Lebensunterhalt bestreiten, das ganze Haus schrumpft zur Kernfamilie zusammen. Die Familienmitglieder erfüllen nicht mehr untereinander die Funktionen wie in der Agrargesellschaft; früher war man funktional an den Partner gebunden, der einem beim Bewirtschaften des Landes geholfen hat, und jeder hatte seinen festen Platz in der Familie, heute rücken die Emotionen in den Vordergrund, es werden andere Anforderungen an den Partner gestellt, Kinder sind keine Frage der Altersvorsorge mehr sondern ein Ausdruck der Liebe. Solch eine Basis für eine Familiengründung steht auf wackeligeren Beinen, nicht zuletzt ein Grund für die zunehmende Scheidungsrate.

    Ok zurück zu Durkheim. Wir sprechen jetzt von der organischen Solidarität, wie ein Körper, in dem jedes Organ eine Funktion erfüllt und den Körper somit am Leben erhält. Und eine weiter Folge dieser Entwicklung ist laut Durkheim die Veränderung des Kollektivbewusstseins. Die gemeinsamen Anschauungen und Gefühle lockern sich, es ist jedoch nicht automatisch von einer Abschwächung der sozialen Bande zu sprechen sondern auch von einem starken Gefühl der Einheit, da jeder eine Funktion hat und jeder auf jeden angewiesen ist. Wenns perfekt läuft, natürlich.

    Damit komme ich zum egoistischen Selbstmord, auf den Rick anspielt. Durkheim stellt hierzu fest (übrigens im Jahre 1897), dass die Gemeinschaft wichtig ist für das Individuum und dass die Auflösung des Kollektivs bzw die Entfremdung von der Gesellschaft oder ein Mangel an Integration den Selbstmord fördert. Bei der Entfremdung von der Gesellschaft stellt der Einzelne das individuelle über das soziale Ich, deshalb egoistischer Selbstmord.

    Sicherlich hat sich unsere Gesellschaft stark gewandelt, aber wenn jeder seinen Platz in ihr einnimmt, kann man zunehmende Individualisierung durchaus als gemeinschaftsfördernd betrachten. Ich tu mir generell ein bisschen schwer damit, das alles in Verbindung mit dem Amokläufer von Winnenden zu bringen. Er hat ja nicht nur sich selbst getötet, sondern 15 weitere Menschen in einer kopflosen Raserei, die sich für mich nicht ohne das Vorhandensein einer psychischen Störung erklären lässt, Faktoren, die Durkheim bei seinen Studien komplett außer Acht gelassen hat. Außerdem wissen wir überhaupt nichts über diesen Jungen und wie er sich in unserer Gesellschaft gefühlt hat. Ein Mangel an Integration mag der Auslöser für so manche schreckliche Tat sein und es mag auch sein, dass Teile unserer Gesellschaft nicht gerade integratiosfördernd arbeiten. Aber die Ursache ist meiner Meinung nach immer noch in der Psyche des Menschen zu suchen.

    Karin

    März 14, 2009 at 12:28


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